Das Atelier

Es ist wie ein plötzlicher Schritt in eine alte Florentiner Werkstatt, die das Geheimnis Jahrhunderte alter Erfahrungen, alchemistischer Webereien sowie durchdringender, stimmungsvoller Düfte preisgibt. Einmal über die Schwelle getreten, eröffnet sich dem Besucher eine ganz neue Welt, die ein komplexes Netz an starken kulturellen und familiären Wurzeln, tausenden Erinnerungen an ferne Länder sowie ein Gefühl der unzweifelhaften Zugehörigkeit zu Florenz offenbart – ein idealer Ort für Vergleiche, Herausforderungen, die Erschaffung von Kunst sowie die Verarbeitung von Gedanken. Lorenzo Villoresis Labor befindet sich in der obersten Etage eines uralten Familienhauses mit Blick auf die mittelalterliche Via de' Bardi, eine der edelsten und ältesten Straßen von Florenz. In einer Art Schmiede, umgeben von Hunderten von Essenzen in Gläsern und kleinen Flaschen auf einem Olivenholz-Regal, Destillationsapparaten und Glasrohren, Bechern und Fläschchen, eingehüllt von freundlichem Halblicht, lässt er seine Kreationen entstehen. 

Hier, in diesem kleinen, gemütlichen, indirekt mit einer Hängeleuchte beleuchteten Studio, mit seinem farbenfrohen kaukasischen Teppich, an dem die Spuren der Zeit bereits abzulesen sind, sowie einzigartigen Dekorationen, haucht Lorenzo seinen psychologisch-alchemistischen Erfindungen Leben ein, nachdem er zuerst ihre geheimnisvollen Komponenten durch Wiegen auf einer winzigen Präzisionswaage identifiziert und abgemischt hat, um seine präzise und ausdrucksvolle Linie fortzusetzen.

Die erste Phase des kreativen Prozesses findet in einer Umgebung statt, die etwas geheimnisvoll, beruhigend, vor dem Lärm der Stadt geschützt und entschieden meditativ ist. Analytisch vorgehend stellt Villoresi eine tiefe Verbindung her, um ein Parfüm zu entdecken, das seine Person wahrhaftig repräsentiert, und durchstöbert dabei Materialien und Notizen, die weit voneinander entfernt und unvereinbar scheinen, etwa wie beim Entlanglaufen von Straßen, die sich unserer Erinnerung entziehen, Fragmente von Empfindungen aller Art sowie emotionale Bilder aus freudigen Tagen, die in Vergessenheit gerieten oder in unserer Erinnerung verblasst sind.
Der große darauffolgende Raum ist über drei Treppen aus Serena-Sandstein zugänglich und stellt eine über dem Arno suspendierte Loggia dar, die das Ende der Reise darstellt. Eine an die Zeiten der Renaissance erinnernde Helligkeit, weiß und triumphierend, durchdringt den Raum. Der Herd leuchtet; der kreisförmige Couchtisch aus Olivenbaumwurzelholz wurde von Villoresi vor vielen Jahren in Monte Morello eigenhändig handgefertigt. Über einem alten Klavier hängt ein etwa 50 cm hohes Porträt der Großmutter mütterlicherseits des Parfümherstellers mit ihrer starken und wohlwollenden, liebevollen und gleichzeitig strengen Ausstrahlung. An den Wänden hängen Relikte, die der Großonkel, ein Schiffskapitän im 19. Jahrhundert, von seinen Reisen mitgebracht hat, Schriftrollen der chinesischen Dynastien sowie eine Sammlung von Vinyl-Schallplatten. Große Sofas und Stühle sowie eine Nische mit in Ehren gehaltenen Büchern inspirieren zum Gespräch. In der Loggia befindet sich ein großer Tisch aus dem 19. Jahrhundert, der für den Empfang von Gästen genutzt wird.

Ihr Blick ist verloren und befreit und schweift mühelos über Florenz mit seinen Kirchen, Türmen und Gebäuden hinweg. Die Hügellandschaft des Settignano, Maiano und Fiesole erstreckt sich mit ihren Grün- und Blautönen so weit das Auge reicht. Auf der einen Seite verwandelt sich die extreme Höhe einer Reihe von Bäumen im Boboli-Garten in einen dichten, bezaubernden Wald. Der Arno schlängelt sich vorbei, scheinbar ruhig und unerschütterlich, durchkreuzt von geometrischen Pfaden in seiner Oberfläche, die von Ruderern herstammen. Er gleitet die Bögen der Brücke Ponte Vecchio entlang und streichelt die Uffizien, bevor er sich, blendend wie Blattgold, flüssigem Metall gleichend, in der Ferne verliert. Nachts nimmt alles eine andere Gestalt an und die Szenerie unterteilt sich in Licht und Schatten, fragmentiert in außergewöhnliche Details, die von kalten Lichtkegeln durchbrochen werden. Hoch oben taucht die Kirche von San Miniato in Monte wie ein Geist aus der Dunkelheit auf, surreal mit seiner schneeweißen Fassade, nachgezeichnet mit dunklem Marmor. Letztendlich ergibt sich Florenz seinem Bewunderer: die „Belle Dame sans merci“, so nah und doch so rätselhaft.

 Cesare Cunaccia